Ich laufe seit sechs Jahren, und es war bis hier hin schon eine sehr interessante Entwicklung.
Am Anfang dachte ich: Fitness. Dann dachte ich: Kopf freibekommen. Dann: Challenges – die ersten 10k, der erste Halbmarathon, diese Momente, in denen man sich etwas beweist, ohne dass irgendjemand zuschaut. Dann dachte ich: Weil ich's kann. Dann: Weil ich's muss, sonst dreh ich durch. Dann kamen die Lauftreffs, dann immer mal wieder auch Wettkämpfe, dann auch ganz besonders große Herausforderungen mit der Marathon- und Ultramarathon-Distanz.
All das ist Teil meiner Laufentwicklung. Und es geht immer weiter, nein nicht nur höher, schneller, weiter! Es sind die Wurzeln, die sich ihren Weg bahnen und immer fester und tiefer im Boden verwachsen.
Es gibt diesen Moment beim Laufen – meistens irgendwo zwischen Kilometer vier und sieben, wenn der Atem sich einpendelt und der Kopf endlich aufhört zu plappern – in dem man plötzlich weiß, was man will. Nicht im großen Sinne, nicht Lebensziele, aber so: Was als nächstes passieren soll. Welche Entscheidung ansteht. Welcher Gedanke schon länger unter der Oberfläche gewartet hat.
Die Idee zu Hometurf Running entstand an einem Freitag Morgen auf den Feldwegen oberhalb von Kemnat – dem OG unter den Hometurfs. Es ist eine Strecke, die ich so oft gelaufen bin, dass meine Füße den Weg von alleine finden: überwiegend asphaltiert, kaum Autostraßen, die den Flow unterbrechen. Es geht vorbei an der Grundschule, über die Felder zur Kinder- und Jugendfarm Riedenberg, mit dem optionalen „Bernstein Tempo Loop“ an der U-Bahn Heumaden. Dann über die Heumadener Straße Richtung Ruit, am Rossert vorbei und auf der langen Geraden Richtung Scharnhauser Park, bis die Sportanlage des TB Ruit den Umkehrpunkt markiert. Auf dem Rückweg passieren wir die einzige nicht asphaltierte Stelle, dennoch ein gut befestigter Weg. Wir genießen nochmal den schönen Ausblick über die Fildern in Richtung Flughafen und sind auch schon wieder am Start / Ziel angelangt.
Mein Hometurf. Mein Revier.
Und irgendwo auf Kilometer sechs, irgendwo zwischen dem Rhythmus meiner Schritte und dem Rauschen des Windes, kam die Frage: Was wäre, wenn diese Strecke nicht nur mir gehören würde?
Wir leben in einer Zeit, in der wir alles teilen – Fotos, Meinungen, Playlists – außer den Dingen, die wirklich etwas von uns zeigen. Eine Hausstrecke ist so ein Ding. Sie ist nicht spektakulär im Instagram-Sinne. Keine Drohnenaufnahmen, keine Hashtags. Sie ist persönlich auf eine Weise, die sich kaum in Worte fassen lässt: Du läufst sie, weil sie sich richtig anfühlt. Weil Du jeden Meter kennst. Weil sie dich an gute Läufe erinnert und an schlechte, an Tage, an denen das Laufen leicht war, und an solche, an denen jeder Schritt Überwindung kostete.
Diese Strecke ist ein Stück von dir.
Und genau deshalb – nicht obwohl, sondern deshalb – ist sie so wertvoll für jeden, der sie noch nicht kennt.
Hometurf Running ist – und hier wird's jetzt ein bisschen weird – eigentlich keine Lauf-App.
Also, doch. Schon. Man kann Läufe einstellen; man kann mitmachen; es gibt Karten und Höhenmeter und auch sonst so einiges an richtig nützlichen Features. Aber darum geht's nicht wirklich.
Es geht darum, dass da jemand am Treffpunkt steht.
Weißt Du, was das Schwierigste ist, wenn Du dich aufraffen willst zu laufen? Es ist nicht die Kälte. Nicht der Regen. Nicht die Müdigkeit. Es ist: dass es egal ist, ob Du gehst oder nicht. Keiner wartet. Keiner merkt's. Du kannst auf der Couch bleiben, die Welt dreht sich weiter, und niemand wird je erfahren, dass Du heute nicht gelaufen bist.
Und ja, jeder Läufer hat seine eigenen Gründe, warum er sich aufraffen will. Aber wenn da jemand steht – irgendwer, den Du nicht mal gut kennst – dann gehst Du. Nicht weil Du besonders motiviert bist, sondern weil Du nicht derjenige sein willst, der nicht auftaucht. Diese soziale Verbindlichkeit, dieser implizite Vertrag zwischen zwei Fremden, die dasselbe Datum in ihre Kalender eingetragen haben: Das ist der eigentliche Motivator.
Das ist das ganze Geheimnis.
Ich hab diese Plattform nicht gebaut, weil ich dachte, die Welt braucht noch eine App. Ich hab sie gebaut, weil ich wissen wollte, ob es funktioniert. Es ist ein Experiment.
Ob Fremde sich wirklich treffen, um zusammen zu laufen. Ob jemand bereit ist, seine Strecke zu teilen, ohne etwas zurückzubekommen außer Gesellschaft. Ob diese komische Idee, die mir auf Kilometer sechs gekommen ist, irgendwas wert ist.
Ich weiß es immer noch nicht.
Sechs Monate hab ich daran gebaut, jede freie Minute, wie ein Besessener. Und das Lustige: Die besten Feature-Ideen kamen nicht am Schreibtisch – sie kamen beim Laufen. Immer wenn ich meinen Strecken alleine absolviert habe, ohne Musik, ohne Ablenkung, sprudelten die Gedanken. Mein Hometurf wurde zur Produktentwicklungs-Strecke. Kein Whiteboard, kein Sprint Planning – nur Asphalt und Sauerstoff.
Ob das Ganze aufgeht? Keine Ahnung. Aber ich bin neugierig genug, um weiterzumachen. Und bis hier hin hat sich für mich der Weg eh schon gelohnt. Es war eine großartige Lernerfahrung für mich und ich bin sicher, da wartet noch so viel mehr. Aber eben nicht nur auf mich, sondern auch auf Dich, wenn Du das willst.
Denn jetzt dreh das Ganze mal um.
Du hast auch einen Hometurf. Eine Strecke, die Du immer wieder läufst. Und fünf Kilometer weiter – vielleicht sogar in derselben Stadt – gibt es jemanden, dessen Hausstrecke Du noch nie betreten hast. Eine Route durch Viertel, die Du nur vom Durchfahren kennst. Wege, von denen Du nicht wusstest, dass sie existieren. Anstiege, Aussichten, Abkürzungen, die ein anderer Läufer über Jahre entdeckt hat.
Dieser Mensch läuft da jeden Dienstag. Oder jeden Sonntag. Allein, meistens. Und wartet – ohne es zu wissen – darauf, dass jemand fragt: Kann ich mitkommen?
Das ist das Abenteuer, das direkt vor deiner Haustür liegt.
Also: Falls Du neugierig bist, stell eine Strecke ein. Warte, ob jemand kommt.
Vielleicht kommt niemand. Dann läufst Du halt allein – passiert sowieso.
Aber vielleicht kommt jemand. Und dann passiert dieses Ding, das schwer zu beschreiben ist. Dieses Nach-dem-Lauf-Gefühl, wenn man mit einem Menschen, den man gerade erst kennengelernt hat, am Treffpunkt steht und denkt: Das war irgendwie gut.
Ich hab keinen besseren Pitch. Nur eine Einladung.
Cheers,
Euer Wollo